|
|
|
|
|
Kleines Deutschland im großen China
|
|
Kleines Deutschland im großen China
Prost Neujahr, erstmal, denn für die Chinesen ist es seit dieser Woche endlich da: das Jahr des Schweins. Es wurde mit dem größten Feuerwerk überhaupt begrüßt. Chinesen böllern wie niemand sonst. Manche tun es eine Woche lang. Für mich ein Anlass, aus der Weltstadt Shanghai zu fliehen. In die Heimat, Deutschland. Allerdings bloss die chinesische Version.
In der Provinz Shandong, im Osten Chinas, liegt eine deutsche Kleinstadt. Qingdao, nach alter Art Tsingtau geschrieben, war mal eine Kolonie des Kaiserreichs. Rund eine Flugstunde von Shanghai und ich wandere durch Alleen mit deutschen Giebelhäusern und trinke Bier, das aus einer Brauerei stammt, die einst Deutsche bauten. Hier hatte der Kaiser ganze Arbeit geleistet. Wollte deutsche Tugenden exportieren, eine Musterkolonie bauen und stellte ein strammes Stück heimischer Kleinbürgerlichkeit an die Küste.
Der Ort liegt an der Jiaozhou-Bucht, oder wie früher geschrieben wurde: Kiautschau. Also am Ozean. Seeluft schnuppern, den Shanghai-Smog aus den Lungen pusten. Nicht das Qingdao keine Industrie hätte, die hat das Städtchen mit sechs Millionen Einwohnern durchaus, aber die Meeresbrise weht das Gift ins Landesinnere.
Ich bin heute durch Gegenden gewandert, die aussehen, wie das Hamburger Villenviertel Blankenese. Oder wie diese kleinen Orte an der Ostsee, die sich alle ähnlich sind. Travemünde oder Laboe. Rote Dachziegel, große Fenster, hübsche Vorgärten. Vielleicht etwas schäbiger als in meiner alten Heimat Schleswig-Holstein. Aber für China unglaublich: ruhig.
Der deutsche Kolonialstil verbindet sich mit der chinesischen Umgebung zu einem bizarren Gemenge, weil neben der Blankenese-Villa dann plötzlich ein Betonklotz steht, aus dessen Fenster Wäsche hängt. Oder mich ein Taxifahrer aufnimmt, der meint, er müsse brüllen, anstatt sein Autoradio leiser zu machen ("Wo wollt ihr hin? ... WO?"). Das ist dann alles wieder schön chinesisch.
|
|
zurück
|